Von Elia und Anders-Orten

Nachricht 18. Juli 2018

Festgottesdienst mit Abendmahl

„Unter welch widrigen Bedingungen haben die ersten Familien hier im Jahrhundertwinter 1978/79 ein Projekt auf Hoffnung gestartet!“ Mit diesen Worten begrüßten Klaus-Gerhard Reichenheim und Dr. Silke Harms die Gemeinde zum Festgottesdienst am Sonntagmorgen in der Westkirche des Klosters. „Von Anfang an waren unzählige Mitarbeitende, hauptamtliche und ehrenamtliche, daran beteiligt mit ihrer Arbeit, ihrer Zeit, ihrem Gebet und ihren Spenden.“ Sie bauten auf dem auf, was Benediktinermönche hier vor ihnen geschaffen haben. Die Gebäude helfen, den Glauben zu stärken und aufzurichten, auch in Wüstenzeiten und Durststrecken, von denen es auch einige in den letzten 40 Jahren gab.

In seiner Festtagspredigt verglich Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes, die Angebote zur Einkehr und geistlichen Begleitung in Bursfelde mit dem, was der Prophet Elia erlebt. Nach anstrengenden Jahren und Aufgaben möchte Elia nur noch „ganz weit weg sein“. Er flieht in die Wüste, wo er unter einem Wachholderbusch einschläft. Genauso weit weg liegt auch Bursfelde, schon vor 925 Jahren und heute noch immer. Elia bekommt von dem Engel Brot und Wasser. „Das gute Essen steht neben dem guten Wort und ist ein Kennzeichen herzlicher Gastfreundschaft.“

Vor allem aber lässt der Engel Elia Zeit. Erst nachdem Elia ein zweites Mal geschlafen hat und gestärkt wurde, schickt der Engel ihn wieder auf den Weg. „Geistliche Begleitung braucht Zeit!“, betonte de Vries. „Menschen finden hier eine Oase, einen Raum der Stille, wo sie allein sein können, um sich selbst und möglicherweise auch Gott zu begegnen.“ Dies sei möglich durch die Gastfreundschaft, die hier durch die Jahrhunderte bis heute gelebt wird. „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kloster Bursfelde, hauptamtliche und ehrenamtliche, denken Sie bitte nicht zu gering von sich. Man sieht es Ihnen vielleicht nicht immer an, aber Sie können zum Engel für andere Menschen werden, weil Gott Sie in Dienst nimmt, ob Sie nun an der Pilgerscheune sitzen, im Garten tätig sind, an der Pforte oder in der Küche, ob Sie Seminare leiten und Kurse anbieten.“

Der Abendmahlsgottesdienst wurde musikalisch mitgestaltet von Birgit Linnemann an der Orgel und Julia Brüggemann an der Violine.

"Wir brauchen Bursfelde heute, morgen und übermorgen"

Die Klosterkammer Hannover, die in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen feiert, verwaltet rund 800 Gebäude ehemaliger Klöster in Niedersachsen. „Wir sind dazu da, dass in diesen Gebäuden der äußere Rahmen in Ordnung ist“, sagte Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer, in seinem Grußwort nach dem Gottesdienst. „Wir freuen uns, wenn – wie in Bursfelde – in den Klöstern das geschieht, wozu sie ursprünglich gegründet wurden.“

Foto: Susanne Ruge/HkD

Oberlandeskirchenrat Dr. Klaus Grünwaldt aus Hannover würdigte Bursfelde als einen Ort, dessen Impulse zum geistlichen Leben in die ganze Landeskirche ausstrahlten. „Bursfelde ist auch ein Ort der Bildung. Die Menschen geben hier weiter, was sie glauben und erfahren haben“, so der Theologe. „Eine lebendige Spiritualität kann dem Ausbrennen vorbeugen. Deshalb braucht die Landeskirche Bursfelde heute, morgen und übermorgen!“

Herzliche Glückwünsche zum Jubiläum überbrachte Superintendent Thomas Henning aus dem Kirchenkreis Hannoversch Münden. 1978 überließ die Klosterkammer das ehemalige Pächterhaus, die alte Schmiede und den Schweinestall des Klosters Bursfelde dem Kirchenkreis, um dort ein Tagungshaus einzurichten. „Ich bin immer noch erstaunt, was daraus geworden ist!“, sagte Henning. „Das ist den Äbten und den engagierten Mitarbeitenden zu verdanken.“ Die Arbeit des Tagungshauses strahlte immer weiter über den Kirchenkreis hinaus und so sei es nur konsequent, dass die Trägerschaft im Jahr 2007 an die Landeskirche überging. „Wer Bursfelde verlässt, der möchte wiederkommen!“, stellte der Theologe fest. „Was für ein wunderbares Kompliment.“

"Das Ohr am Gleis haben"

Prof. Thomas Kaufmann, Abt von Bursfelde, leitet launig zum Festvortrag über. Foto: Susanne Ruge / HkD

Professor Dr. Thomas Kaufmann, Abt von Bursfelde und Professor der Kirchengeschichte in Göttingen, leitete mit launigen Worten über zum  Festvortrag von Schwester Dr. Nicole Grochowina von der Christusbruderschaft Selbitz, die als Privatdozentin für Neuere Geschichte und Kirchengeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt. Unter dem Thema „Bursfelde als ‚Anders-Ort‘: Perspektiven für Gegenwart und Zukunft“ griff sie den Begriff des „Segensortes“ des Evangelischen Ordenstheologen Walter Hümmer auf.

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Schwester Dr. Nicoloe Grochowina sprach in ihrem Festvortrag von Bursfelde als einem "Anders-Ort". Foto: Susanne Ruge / HkD

Segensorte seien Orte, an denen Menschen als Segensträger lebten und leben und so dem pilgernden Gottesvolk eine „Oase der Stille und Rekreation“ bieten könnten. Grochowina verband die Segensorte mit dem Aufruf von Papst Franziskus an Ordensgemeinschaften, „andere Orte zu schaffen, wo die Logik des Evangeliums gelebt wird, die Logik der Hingabe, der Brüderlichkeit, der Annahme der Verschiedenheit, der gegenseitigen Liebe.“ Die Gefahr solcher Anders-Orte bestehe darin, nostalgisch den alten erfolgreichen Zeiten nachzutrauern.

„Konkret heißt dies, dass wir heute gut daran tun, die 925 Jahre von Kloster Bursfelde und die 40 Jahre des Geistlichen Zentrums zu würdigen“, so Grochowina. „Doch dies ist zugleich ein Auftrag, in der Wachsamkeit für die Zeichen der Zeit nicht nachzulassen.“ Um nicht in die Falle der „nutzlosen Nostalgie“ zu verfallen, empfiehlt Grochowina, „auch als Ort pilgernd zu bleiben, das ‚Ohr am Gleis zu haben‘ und dabei dem Geist Gottes zu vertrauen.“

Ausklang im Garten des Klosters

Zum Ausklang des Festes waren die Gäste noch einmal in die Schönheit des Klostergartens geladen, wo wieder die Klosterküche für das leibliche Wohl der Gäste sorgte. Für viele der Gäste und Ehrenamtlichen galt, was Superintendent Henning sagte: „Wer Bursfelde verlässt, der möchte wiederkommen!“

Pilgerherberge

Wolfgang Godglück, 69, aus Hitfeld und Caudia Jung, 47, aus der Nähe von Kassel sind Pilgerbegleiter und gehen mit Gruppen zusammen auf Pilgertouren, die sie begleiten. „Ich bekomme immer wieder die Rückmeldung: ‚Am schönstens war’s, als wir geschwiegen haben“, erzählt Godglück. „Das Schweigen ist das Einzelzimmer des Pilgers“, betont Jung. Die Gastfreundschaft in der Pilgerherberge erleben beide als etwas Besonderes.

Auch Christine Richter, 54, aus Braunschweig war schon bei Schweigeseminaren dabei. „Als Pilgerbetreuerin wohne ich eine ganze Woche in der Pilgerherberge. Es geht vor allem darum, die ankommenden Pilger abends willkommen zu heißen und sie morgens wieder zu verabschieden.“

Dass dies gut gelingt, betonen die beiden Pilgerbegleiter. „Es ist schon etwas Besonderes, hier anzukommen und ein liebevoll gemachtes Bett vorzufinden und einen Menschen, der einen empfängt.“

Schönster Arbeitsplatz

Heike Bühler, Leiterin der Tagungsstätte: „Bursfelde ist der schönste Ort zum Arbeiten mit dem Haus, dem Park, der Ruhe und dem Geist, der hier weht. Die Fülle der Menschen, die Mitarbeiter und die Gäste machen Bursfelde zu einem ganz besonderen Ort.“